Das Krankenhauswesen
im Odenwald
Einhards
Basilika
Das erste Hospital wurde in der Einhards-Basilika in Michelstadt-Steinbach
eingerichtet.
Das
seit 1232 in der Basilika bestehende Frauenkloster wurde nach Einführung
der Reformation im Odenwald im Jahre 1535 aufgelöst.
Die
Grafen Georg I und Eberhard II zu Erbach erwarben es mit allem Zubehör
durch Kauf vom Kloster Lorsch. Auf diese Weise wurde die Basilika
in der Folge das Eigentum der Grafen Erbach-Fürstenau. Im 16.
Jahrhundert erfolgte die Einrichtung eines Hospitals, dem die soziale
Fürsorge im erbachischen Lande oblag. Im dreißigjährigen
Krieg dienten die Baulichkeiten als Lazarett und über den Nöten
der Zeit ging das Hospital selbst ein.
Zu
seinem Zwecke war vermutlich im 16. Jahrhundert das Obergeschoss
auf dem romanischen Anbau des nördlichen Nebenchores errichtet
und dieser selbst zum Treppenhaus gemacht worden.
Da
die Unterlagen des gräflichen Gesamthaus-Archives zum großen
Teil verbrannt sind, können Einzelheiten über das erste
Hospital im Odenwald nicht geklärt werden.
Man
wird diese Einrichtung wahrscheinlich als Unterkunftsstätte
für arme, pflegebedürftige Menschen betrachten müssen,
wie dies in der damaligen Zeit wohl üblich war.
Es
ist nicht bekannt, ob die Grafen zu Erbach weitere Einrichtungen
dieser Art unterhielten; es ist aber nicht anzunehmen.
Das "Gutenleuthaus" in Erbach
Eine
Einrichtung für Arme, Alte und Kranke bestand in der Stadt
Erbach im 16. und 17. Jahrhundert.
Bei
Graf Ernst in "Aus der Geschichte Erbachs" lesen wir:
"Im Jahr 1590 aber schenkte der regierende Graf Georg der allhiesigen
Kirch hinter dem Gutenleut- oder Siechenhaus ein Stück Ackerland
zu einem neuen Kirchhof. Das Gutenleuthaus ist eine Altersversorgungsanstalt
unter der Aufsicht der Kirche gewesen und stand, wo jetzt seit 1830
die Schöbel-Nieratskische Gartenwirtschaft befindlich ist ..."
(heute: Hotel Schützenhof).
Aus
dem Erbacher Kirchenbuch (1600 - 1674) entnehmen wir folgende Eintragungen:
"Verstorben 18.04.1618 Anna, Eberhard Mitsch, Einwohner Gemeinsmann
Schönnen nachgelassene Tüchter, etliche Jahr im Spital
als ein arm schwach Mensch erhalten. Verstorben Samstag, 10. 1632
Margareth, die Spitalfrau welche die Welckers Kätt gewartet."
Aus
Wannemachers Amtsbeschreibung vom Jahre 1708 (veröffentlicht
von Ph. Buxbaum in "Die Heimat" 1951 Nr. 2) entnehmen
wir: "Ordn. Nr. 44 Preyß, Math., Canzleibote, neb.dem
Spitalbau."
Wo
sich der Spitalbau in Erbach befand, ist nicht bekannt. Vielleicht
war mit der Bezeichnung "Spital" sogar das Gutenleuthaus
gemeint.
Es
ist eigentlich recht unwahrscheinlich, dass neben einem Gebäude
für Sieche noch ein Spital in Erbach bestanden hat. In alten
Urkunden oder Schriftstücken ist leider nichts Genaues zu finden.
Das Tempelhaus
Am
18. Dezember 1851 wurde durch die Gräfin Louise zu Erbach-Erbach
in der Stadt Erbach ein Krankenhaus eröffnet. Die vier Betten
für erwachsene weibliche Kranke und zwei Betten für Kinder
waren im damaligen Kieferschen Haus an der Lauerbacher Chaussee
(heute: Neckarstraße) untergebracht.
Bereits
zwei Jahre später konnten die Betten in das Tempelhaus verlegt
werden, das der damalige Graf Eberhard zur Verfügung stellte.
Obwohl
die Zahl der Krankenbetten in keinem Verhältnis zu den Bedürfnissen
der Bevölkerung stand, war dieses kleine Krankenhaus für
den gesamten süd-östlichen Odenwald von großer Bedeutung.
Aus über 57 verschiedenen Ortschaften haben Kranke unentgeltlich
Aufnahme und Verpflegung gefunden. Stets hat es seine Türen
den armen, erkrankten Frauen und Kindern geöffnet, nur während
des Krieges 1866 wurde es in ein Lazarett umgewandelt und hat 14
verwundeten und erkrankten Soldaten Unterkunft gewährt.
Die
ersten Pflegekräfte kamen aus dem Kaiserwerther Diakonissenhaus,
dann übernahmen Neudettelsauer Schwestern die Pflege, bis im
Oktober 1869 Schwestern aus dem Darmstädter Elisabethen-Stift
in die Arbeit eintraten.
Im
Jahr 1886 wurde im obersten Stock des Tempelhauses eine Siechenstation
mit vier Betten für Männer eingerichtet, das sogenannte
"Erasmus-Stift".
Das
kleine Krankenhaus im Tempelhaus wurde im Jahre 1903 geschlossen.
Die Kranken wurden in das neu eröffnete Kreiskrankenhaus verlegt.
Die
frei werdenden Krankenbetten wurden dem Erasmus-Stift zugeschlagen
und nun ausschließlich als Altenheim benutzt. Das Erasmus-Stift
schloss im Jahre 1961 für immer seine Pforten.
Das erste Kreiskrankenhaus
In
den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen die maßgeblichen
Herren des Kreistages und des Kreisausschusses mit der Planung eines
Kreiskrankenhauses.
Die
Versorgung ernstlich erkrankter Personen bereitete in der damaligen
Zeit sehr große Probleme. In schwierigen Fällen mussten
die Kranken mit der Bahn nach einer entfernten Stadt in die Krankenhäuser
gebracht werden.
Da
der Kreis Erbach ein sehr ausgedehnter Verwaltungsbezirk ist, fasste
man ins Auge, vier Krankenhäuser zu errichten. Der Kreisausschuss
empfahl daher als Standorte Beerfelden, Erbach, Höchst und
Reichelsheim. Vom politischen Gesichtspunkt aus war gegen diese
Lösung nichts einzuwenden.
Nach
der Besichtigung bereits bestehender Krankenhäuser in Heppenheim
und Groß-Gerau und entsprechenden Berechnungen beschloss der
Kreistag am 13.05.1899 ein Krankenhaus für den Kreis Erbach
zu errichten und zwar sollte das Kreiskrankenhaus in dem Orte errichtet
werden, der auf die vom Kreis gestellten Bedingungen eingehe. Die
Stadt Erbach erfüllte alle geforderten Auflagen, so dass dem
Standort Erbach zugestimmt wurde.
Das
Kreiskrankenhaus wurde aus Gewinnen der Kreissparkasse Erbach gebaut
und am 06. April 1903 seiner Bestimmung übergeben. Die Verwaltung
übernahm die Stadt Erbach bis zum 30.09.1952. Es war das erste
Krankenhaus des Kreises, das in erster Linie als Krankenhaus, nicht
aber als Siechenhaus genutzt werden sollte.
Die
Einrichtung des Krankenhauses war lange Zeit recht primitiv. Mit
den Krankenhäusern der benachbarten Großstädte konnte
es lange Zeit in keiner Weise konkurrieren.
Das
Krankenhaus war etwas unzweckmäßig gebaut, was sich allerdings
erst während der ersten Betriebsjahre herausstellte.
Das
Interesse der Bevölkerung war am Anfang nicht sehr groß.
Vielfach dachte man erst an das Krankenhaus, wenn man jemanden einliefern
wollte, der sich zum Sterben anschickte.
Ein
Problem war die Arztfrage. Ein eigener Arzt konnte nicht angestellt
werden, denn das Haus war hierfür nicht groß genug. Die
ärztliche Betreuung wurde daher von praktizierenden Ärzten
übernommen.
Im
Jahr der Inbetriebnahme 1903 lagen 38 Patienten
mit 2.940 Verpflegungstagen,
im
Jahr 1908 123 Patienten mit 4.203 Verpflegungstagen,
im
Jahr 1913 115 Patienten mit 2.747 Verpflegungstagen,
im
Jahr 1918 108 Patienten mit 3.185 Verpflegungstagen,
im
Jahr 1920 260 Patienten mit 4.653 Verpflegungstagen und
im
Jahr 1928 275 Patienten mit 8.377 Verpflegungstagen
im
Kreiskrankenhaus Erbach.
Die
erste Operation wurde im Jahr 1919 durchgeführt.
Während
des 1. Weltkrieges wurde das Krankenhaus als Lazarett benutzt. Anfang
der Zwanziger Jahre wurde das Krankenhaus mit ca. 355.000 Euro an-
und umgebaut.
Es
wurden Röntgen- und Höhensonneapparate beschafft und eine
Einrichtung zur Abgabe der verschiedensten Arten von Bädern
geschaffen. Der Ruf des Krankenhauses wurde immer besser. Die Belegung
stieg ständig, so dass sogar oft Patienten wegen Überfüllung
abgewiesen werden mussten.
Während
des 2. Weltkrieges wurde auf dem Gelände des Krankenhauses
eine Baracke errichtet, um auch für Kriegsgefangene und Fremdarbeiter
eine Behandlungsmöglichkeit zu schaffen.
Der
schon vor dem Krieg vorgesehene Plan zur Erweiterung des Krankenhauses
wurde vom Landkreis Erbach wieder aufgegriffen. In den Jahren 1954
und 1955 wurde das Krankenhaus in Erbach, Am Brühl, um 15 Betten
und einen neuen OP mit den dazugehörigen Räumlichkeiten
erweitert.
Das
von der Stadt Erbach verwaltete Kreiskrankenhaus wurde ab 01.10.1952
vom Kreis Erbach übernommen. Bis zur Auflösung im Jahre
1968 wurden hauptsächlich Patienten in den Fachrichtungen Chirurgie,
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Gynäkologie betreut.
Das "neue" Kreiskrankenhaus
Seit
Herbst 1956 verfügte der Landkreis Erbach über 161 Planbetten
und 75 Notbetten, zusammen 236 Betten für Akutkranke in den
vier Kreiskrankenhäusern in Erbach, Am Brühl und in der
Neckarstraße, in Bad König und in Kirch-Brombach.
Durch
die stetige Fortentwicklung auf dem Gebiet der Medizin und der Krankenhaustechnik
entsprechen die vier Krankenhäuser in keiner Weise mehr den
an sie gestellten Forderungen. Auch die Unterbringung des Personals
konnte nur als Notlösung bezeichnet werden. Der Kreistag des
Landkreises Erbach beschloss daher in seiner Sitzung am 18. März
1961 die Zusammenfassung der vier Häuser in einem modernen
und nach den neuesten Erkenntnissen ausgestalteten Krankenhaus.
Die
Bestimmung des Standortes erfolgte am 08.07.1963 nach Auswertung
verschiedenster Gutachten und eingehender Beratung. Die Stadt Erbach
überließ dem Odenwaldkreis 45.000 m² Bodenfläche
kostenlos.
Nach
einem eingeschränkten Architektenwettbewerb wurden Planung
und Bauleitung den Architekten BDA Dipl. Ing. Prof. Novotny und
Dipl. Ing. Mähner, Offenbach, übertragen. Am 12. Oktober
1964 erfolgte der erste Spatenstich. Nach fast vierjähriger
Bauzeit konnte am 07. September 1968 das neue Kreiskrankenhaus seiner
Bestimmung übergeben werden.
Bei
der Eröffnung verfügte das Krankenhaus über 259 Betten,
die folgendermaßen verteilt waren:
97 Betten
- Chirurgie
92
Betten - Innere Medizin
50
Betten - Gynäkologie und Geburtshilfe
10
Betten - HNO
10
Betten - Augenheilkunde
Heute verfügt das Kreiskrankenhaus Erbach über folgende
Planbetten:
| Chirurgie |
102 |
| Frauenheilkunde/Geburtshilfe |
43 |
| HNO |
8 |
| Innere
Medizin |
91 |
| Geriatrie |
20 |
| Psychiatrie |
43
(zuzüglich 15 tagesklinische Plätze) |
| Urologie |
15 |
Gesamt:
322 Betten (zuzüglich 15 tagesklinische Plätze)
Daneben verfügt das Krankenhaus über folgende Ausbildungsstätten:
- Krankenpflegeschule
- Altenpflegeschule
Auszug aus dem Buch "Die Geschichte des Krankenhauswesens
im Odenwaldkreis", von Willy Hawelky, erschienen 1989 im Neuthor-Verlag
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